Konzertblues und Freundschaften

Dies ist ein sehr persönlicher Post. Mehr ein „Von der Seele“-Schreiben. 

Es ist einer dieser Tage, an denen ich wie in Watte gepackt durch die Welt gehe und in meiner eigenen Gedankenwelt lebe. Die reale Welt will heute keinen rechten Platz erhalten. Ich schiebe den Blues. Alles nur wegen eines einzigen Konzertes, das mich in eine Welt zurückversetzt, die ich hinter mir gelassen wähnte und wegen eines einzigen Menschen. Umso härter trifft mich, dass ein großes Stück meiner Seele noch immer in Hamburg zu sein scheint. Schmerzlich wird mir bewusst, wie sehr mir die Musik und ihre eigene Welt fehlt sowie die dazugehörigen Menschen. Eine Szene, die es so vergleichbar für mich nicht in Dortmund* gibt.

Hamburg – musikalische Heimat

Als ich im August 2007 nach Hamburg zog, hatte ich Dank MySpace – manch einer erinnert sich an eines der ersten Social Networks – eine Ahnung, wen ich wo in der Stadt an der Elbe hören kann. Mir war „Rocker vom Hocker“ ein Begriff – ob in der Bernsteinbar oder als größeres Event im Angie’s Nightclub auf der Reeperbahn. Das BP1, in dem Ingo Pohlmann oder Tobias Tadday früher hinter der Bar standen, war mir ein Begriff. Bald kannte ich die Clique Musiker um diese Clubs ganz gut und zog Dank Newsletter und Konzertdaten auf den entsprechenden MySpace-Profilen durch St. Pauli von Konzert zu Konzert – Hamburger Berg, Hans-Albers-Platz, Reeperbahn, Spielbudenplatz bis hin zum Ü&G im Bunker an der Feldstraße. Kaum eine kleine Bühne, die ich nicht kannte.

Vor allem beim Rocker vom Hocker lernte ich nicht nur Singer/Songwriter, sondern auch viele Musiker an ihren entsprechenden Musikinstrumenten kennen. Musiker, die mittlerweile oft größere Säle füllen, mit denen ich früher nachts um halb vier im Angie’s hinter der Bühne beim Bier philosophierte – und die einen heute kaum noch erkennen, weil ich einfach zu lange schon aus Hamburg weg bin. Drummer, Bassisten, Gitarristen und Cellisten.

Der Herzensmusiker

Ein Mann ist dabei ein inniger Freund geworden, meine große platonische Liebe. Mein Herz geht auf, wenn ihn mit ihm rede oder ihn sehe. Es ist eine einzigartige Ebene. Eine Vertrautheit, eine Nähe, die ich mit kaum einen anderen Menschen habe und eine Ebene, die Sex nur zerstört hätte. Es ist was es ist. Platonisch. Aber gleichzeitig tiefe Liebe für diesen Menschen. Eine Freundschaft, die sich auch nach Monaten, die wir uns nicht sehen, immer wieder anfühlt, als wären wir uns erst gestern begegnet. Wo eine Umarmung immer auch ein gegenseitiges Festhalten ist, um nicht in den Abgrund zu rutschen.

Ich vermisse dabei die Zeit, wo wir spontan entschieden, bei dem anderen schnell mal vorbei zu kommen – sei es mit Bus und Bahn oder mit dem Fahrrad. Hamburg ist ja dann doch irgendwo ein Dorf. Es gab Zeiten, da hatte ich nur Bier für ihn im Kühlschrank. Ich wusste, über Kurz oder Lang wird er wieder auf meiner Couch sitzen und bis in die Nacht mit mir reden und bei jedem Wetter seine Zigaretten auf meinem Balkon rauchen. War ich in seiner Ecke der Stadt, saßen wir stundenlang bei Tee in seiner Küche oder über Noten in seinem Arbeitszimmer. Als ich meinen Geburtstag das eine Jahr in der Bernsteinbar feierte, kam er mit seinem Cello vorbei und spielte für mich zwei Stücke als Geburtstagsgeschenk. Eine von ihm signierte Setlist von unserer ersten Begegnung hing jahrelang gerahmt in meinem Flur meiner Hamburger Wohnung.

Unsere Freundschaft braucht nicht viele Worte, um zu wissen, wie es dem anderen geht. Zumindest von meiner Seite aus. Zu sehen, dass es ihm nicht gut geht, bricht mir das Herz. Diese Zeilen, die ich im September 2007 verfasste, treffen immer noch zu, wie sich unsere Beziehung auch gestern wieder für mich anfühlte – und warum ich heute den Blues habe.

Groß und schwer legt sich die Nacht über die Großstadt,
als ich im Regen zu Dir geh.
Die Welt um mich herum versinkt in großen schweren Tropfen,
die Sehnsucht nach Deinem Spiel vermischt sich mit der Vorfreude darauf.

Deine traurigen Augen umspielt ein Lächeln, als wir uns sehen – der Abend gerettet?
Unsicherheit bleibt zurück, als Du die Bretter dieser Welt betrittst.
Ist Dein Lächeln echt?
Ich seh es nicht…

Deine Musik wärmt mein Herz,
Blicke von Dir erreichen den Grund meiner Seele.
Ein flüchtiges Hallo, Auf Wiedersehen und schon bist Du weg,
doch die letzte Umarmung von Dir bringt mich durch die Nacht.

Vielleicht treffen manche Zeilen dieses Songs aber noch besser… ach, was weiß ich. Ich hab den Blues.


*Dortmund und das Ruhrgebiet haben sicherlich auch eine lebendige Musikszene. Doch selbst nach fünf Jahren habe ich ausser den Dortmunder Philharmonikern und einigen Konzerten überregionaler Künstler hier kaum einen Fuß in diese Szene bekommen. Ich kenne hier einfach kaum Menschen und MySpace gibt es in der Art auch nicht mehr. Dieser Teil meines Lebens ist einfach vorbei. Das soll aber die Szene im Ruhrgebiet in keiner Weise schmälern. Ich bin hier halt einfach noch nicht angekommen…

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