Elbjazz 2019 – ein Rückblick auf die 9. Ausgabe im Hamburger Hafen

Dieses Jahr stand nach 2011, 2012 (Rückblick auf Tag 1 sowie Tag 2) und 2017 mal wieder das Elbjazz-Festival in Hamburg für mich auf dem Programm. Dem Festival bin ich seit mehreren Jahren eng verbunden und unterstütze es auch hier im Blog, auch wenn ich nicht jedes Jahr vor Ort dabei bin. Die bereits 9. Ausgabe des kleinen Festivals hatte ein gutes Line-up zu bieten und so habe ich Anfang Dezember 2018 bei den Tickets zugeschlagen. Mit dabei – wie bereits die vergangenen zwei Jahre – ein Konzert in Hamburgs neuem Wahrzeichen, der Elbphilharmonie.

Elbphilharmonie im Hamburger Hafen
Elbphilharmonie im Hamburger Hafen

Die vielfältigen Locations und Wege

So klein ist das Elbjazz übrigens auch gar nicht mehr. Laut Pressemeldung haben 30.000 Menschen am Freitag (31.5.) und Samstag (1.6.2019) die Spielstädten am Hamburger Hafen besucht. Dabei standen 50 Konzerte auf acht Bühnen zur Auswahl und mir zumindest fiel manchmal die Entscheidung schwer. Auch ist immer zu bedenken, wenn die Konzerte nicht gerade auf dem Blohm+Voss-Werksgelände stattfinden, wie viel Zeit der Weg von A nach B in Anspruch nimmt – und was dadurch vielleicht verpasst wird. Dabei bietet das Elbjazz-Festival mit Boot-Shuttles aller 20 min sowie Bus-Shuttles und der guten Anbindung an den Alten Elbtunnel vielfältige Möglichkeiten, alle Spielstätten auch ohne Auto zu erreichen. Bei dem schönen Wetter vor allem am Samstag waren auch viele Hamburger mit ihren Fahrrädern unterwegs, was sich logistisch sicherlich an einigen Stellen von Vorteil war. Vor allem, weil zwischen Baumwall und St. Pauli Landungsbrücken aktuell die U3 wegen Umbauarbeiten außer Betrieb ist.

Grundsätzlich mag ich die Locations schon sehr, die Hamburg für das Festival bereit hält. Letztendlich schrecken mich aber oft die Wege ab, z.B. mal kurz in ein Konzert einer eher unbekannteren Band oder unbekannteren Künstlers reinzuhören, wenn es nicht gerade auf dem Blohm+Voss-Gelände stattfindet oder drüben an der Elphi. Die MS Stubnitz zum Beispiel liegt sehr weit draußen, wäre aber wohl mit der U4 und dem Bus-Shuttle durchaus gut angebunden gewesen. Die Hauptkirche St. Katharinen hätte ich mir auch gerne mal wieder als Konzertlocation angesehen, aber es hat nicht sollen sein. Irgendwie habe ich aber bei vielen Festivals eh immer das Gefühl, irgendetwas zu verpassen. Ist halt so. Man kann nicht alles sehen.

Elbjazz 2019 – mein Freitag

Was habe ich aber angesehen? Fangen wir am Freitag an. In Hamburg angekommen, sind Simon und ich gemütlich mit der S-Bahn bis zu den Landungsbrücken gefahren, durch den Alten Elbtunnel gelaufen und haben gegen 16:30 Uhr ohne groß Anstehen bei Blohm+Voss unsere Bändchen und Sitzplatztickets für unser Elbphilharmonie-Konzert am Samstag abgeholt. Perfekt, um uns noch etwas auf dem Gelände zu aklimatisieren und anzuschauen, wo welche Bühnen und Stände sind. Dieses Jahr auch wieder als Begleiter dabei: Niels, der mich schon 2012 fotografisch übers Elbjazz begleitete und auch seitdem dem Festival treu ist.

Eröffnung durch Joja Wendt & verrückt-melodische Isländer AdHd

Um 17 Uhr wurde dann das Elbjazz von einem gut gelaunten Joja Wendt und seinem Trio sowie dem Jazzkombinat auf der Hauptbühne eröffnet, die ungewohnt 90 ° versetzt gegenüber den letzten Jahren stand. Anfangs plätscherten die Songs noch etwas vor sich hin, doch nach spätestens einer halben Stunde hatten sich alle eingegroovt.

Joja Wendt beim Soundcheck
Joja Wendt beim Soundcheck
Joja Wendt Trio & Jazzkombinat - Opener Elbjazz 2019
Joja Wendt Trio & Jazzkombinat – Opener Elbjazz 2019

Im Anschluss hörten wir kurz bei Altin Gün auf der Bühne „Am Helgen“ rein, bevor wir in der Schiffbauhalle für AdHd (18:30 Uhr) versuchten, einen Sitzplatz zu sichern. Ich hatte Glück, Simon erst später und Niels warf nach den ersten 10-15 Minuten das Handtuch. AdHd sind Isländer, die in ihrem einstündigen Set nicht einmal eine Pause machten. Die Songs gingen ineinander über und es braucht sicherlich eine Weile, bis man sich mit den experimenteller veranlagten Isländern anfreundet. Simon bezeichnete es als Soundtrack-artige Musik, die einen ein wenig einlullt – und das funktioniert im Sitzen sicherlich viel besser.

Die isländischen Jazzmusiker von AdHd, Schiffbauhalle
Die isländischen Jazzmusiker von AdHd, Schiffbauhalle

Kamaal Williams

Am Helgen startete um 20 Uhr dann Kamaal Williams. Der ehemalige House-Produzent spielte durchaus tanzbare Sounds, der vor allem beim jüngeren Publikum Zuspruch fand. Dazwischen war durchaus zu erkennen, dass er sich am großen Herbie Hancock messen möchte – experimenteller Klaviersound drang an mein Ohr. Im Anschluss war ich dann nur noch an der Hauptbühne zu finden. Das lange Stehen war nicht so gut für meine Füße, aber diese zwei Highlights, die am ersten Tag noch folgen sollten, wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.

Michael Wollny Trio – der nachgeholte Gig des Artist in Residence 2018

21 Uhr holte Michael Wollny mit seinem Trio das 2018 wegen Starkregen und Gewitter ausgefallene Konzert nach. Wie immer wird das Michael Wollny Trio seinem ausgezeichneten Ruf gerecht und spielte groovige, modernde Jazzstücke. Dabei griff Michael Wollny auch immer wieder beherzt in den Flügel und zupfte die Saiten direkt – ob er vom nachfolgenden Künstler inspiriert wurde oder andersherum? Wer weiß…

Letztes Jahr ausgefallen, dieses Jahr nachgeholt: Konzert des Michael Wollny Trios
Letztes Jahr ausgefallen, dieses Jahr nachgeholt: Konzert des Michael Wollny Trios

Highlight Tag 1 – Jamie Cullum

Zum Abschluss des Abends spielte der wunderbare Jamie Cullum mit seiner mittlerweile 7-köpfigen Band ein anderthalbstündiges Set auf der Hauptbühne und er malträtiert seinen Flügel sehr gerne auf alle möglichen Arten – Zupfen, Klopfen, sich auf die Tasten werfen, wie Wollny quasi vor ihm. Kein Wunder, dass zwischen beiden Sets erstmal das Klavier nachgestimmt werden musste. Zu Jamie bleibt mir als „Fangirl“ wenig zu sagen – ein Set zum Mitsingen, Mittanzen und in alten Zeiten schwelgen.

Jamie Cullum am Flügel - Highlight Tag 1 Elbjazz 2019
Jamie Cullum am Flügel – Highlight Tag 1 Elbjazz 2019

Dazu spielte Jamie Cullum neue Songs aus seinem neu erscheinenden Album (7.6.19), aber auch eine Hommage an Ms. Lauryn Hill („Ex Factor“) und ihrem Album „The Miseducation of Lauryn Hill“, welches nun auch schon 20-jähriges Jubiläum feiert. Fun Fact: Beide sind für das North Sea Jazz Festival in Rotterdam angekündigt, leider an unterschiedlichen Tagen. Wie wunderbar wäre ein Duett beider Künstler… ich werde ja wohl noch träumen dürfen.

 

Elbjazz 2019 – mein Samstag

Danach habe ich mich nur noch ins Bett geschleppt, schließlich waren Simon und ich schon etwas länger unterwegs – wir mussten auch erstmal nach Hamburg kommen. Der nächste Tag startete dann etwas später. Doch pünktlich 16:30 Uhr standen wir wieder bei Blohm+Voss, um TOYTOY und ihre Bambule zu hören – eine Hommage an den Hamburger Rap der Beginners & Co. Simon verfiel in alte Rap-Attitüden und sang gefühlt jeden Song mit. Dabei saßen wir für unser Alter angemessen gediegen in Sichtweite zur Bühne beim Kaffee. 😀

Französischer Charme mit Manu Katché

Dann folgte mein erstes Highlight des zweiten Tages – Manu Katché spielte ein ausgezeichnetes Set am Helgen. Der französische Drummer ist seit seiner Sendung auf ARTE auf meinem Zettel. Der elegante Drummer war außerdem in den 1980ern mit jedem größeren Popmusiker auf Tour und arbeitete an verschiedenen Welthits von Sting („Englishman in New York“) und Peter Gabriel mit. In der prallen Sonne, die direkt hoch hinten über der Bühne stand, konnte ich von der Band nicht viel erkennen. Doch das war auch egal. So fiel vielleicht auch nicht auf, dass Manu Katché in Joggingbuchsen und Basecap spielte – was dem Set aber keinen Abbruch tat.

Benny Golson Quartett – das Highlight an Tag 2

Direkt danach mussten wir aber wirklich schon los und den Bootsshuttle rüber zur Elphi erwischen. Das große Highlight, auf das wir seit Dezember hin fieberten, wartete: Benny Golson.

Der 90-jährige (!) Jazzmusiker, bekannt vor allem auch als der Musiker, der Tom Hanks in „Terminal“ noch fehlt. Etwas unsicheren Schrittes unterwegs, war Benny Golson doch voller Witz und Charme, spielte sein Saxophon großartig und beglückte uns Anwesenden mit Anekdoten aus 70+ Jahren Jazz.

Benny Golson mit seinem Quartett in der Elbphilharmonie
Benny Golson mit seinem Quartett in der Elbphilharmonie

Dazwischen ließ er auch seine großartigen Begleiter zeigen, was sie können – aber nicht, ohne den kritischen Blick des Meisters drauf zu werfen. Alles in allem eine gelungene Stunde, die nicht umsonst in Standing Ovations und einer Zugabe endete. Einer der letzten Großen zu sehen, vor allem aus Reihe 5, das machte das Elbjazz 2019 für mich zu einem überaus einzigartigen Erlebnis. Danke.

Nachwuchshoffnung Phil Siemers

Nach dem wir nach dem Konzert die schier endlos lange Rolltreppe der Elphi heruntergekommen sind, haben wir uns noch einen Moment an die Young Talent Stage auf dem Vorplatz gestellt. Ein junger Musiker spielte hier Soul mit deutschen Texten – und das sehr gut! Den Namen Phil Siemers solltest Du Dir merken. In der Musikszene Hamburgs scheint er schon gut angekommen zu sein, so entdeckte ich Sven Bünger („Soulounge“) sowie die Musiker von Monopunk (die mit Max Mutzke touren) und Martin Bassmati auf den Stufen vor der Bühne.

Phil Siemers auf der Young Talents Bühne
Phil Siemers auf der Young Talents Bühne

Grooviges Ende mit Tower of Power

Mit dem Boot kreisten wir dann noch etwas im Hafen und kehrten anschließend zu Blohm+Voss für das Finale zurück. Einige Minuten konnte ich noch bei J.P. Bimeni & The Black Belts lauschen, dessen Soul definitiv auf meine Playlist kommt, bevor Tower of Power auf der Hauptbühne ein Feuerwerk des Funk und Souls abbrannten.

Tower of Power zum Abschluss des Elbjazz 2019
Tower of Power zum Abschluss des Elbjazz 2019

Glücklich und vielleicht auch ein wenig tanzend machten wir uns auf in die Nacht und wieder zurück durch den Alten Elbtunnel, den ich ein letztes Mal für lange Zeit mit beiden geöffneten Röhren sehen werde – die Renovierung der zweiten Röhre steht an und wird sicherlich wieder einige Jahre in Anspruch nehmen, bevor sie wie die Schwester glänzen wird.

Die noch offenen zwei Röhren des alten Elbtunnels
Die noch offenen zwei Röhren des alten Elbtunnels
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